Ein Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Michael Wolf, Direktor der Klinik für Kieferorthopädie (rechts), und Univ.-Prof. Dr. Joachim Jankowski, Direktor des Instituts für Molekulare Herz-Kreislauf-Forschung (links), über den neuen Sonderforschungsbereich (SFB) 1739 „Soft Tissue – Alveolar Bone Crosstalk“
Mit der Bewilligung des Sonderforschungsbereichs (SFB) 1739 ist der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen und der Uniklinik RWTH Aachen ein bedeutender Erfolg gelungen. Im Mittelpunkt steht eine Frage, die weit über die Zahnmedizin hinausgeht: Wie beeinflussen Erkrankungen des gesamten Körpers das Gewebe, das unsere Zähne im Kiefer verankert? Die beiden Sprecher des neuen Forschungsverbundes erklären, warum parodontale Degeneration weit mehr ist als eine Erkrankung des Mundes und weshalb ihre Forschung neue Wege für die Behandlung parodontaler Erkrankungen eröffnen könnte.
Herr Professor Wolf, Herr Professor Jankowski, was bedeutet Ihnen die Bewilligung des SFB?
Prof. Wolf: Es ist die Anerkennung vieler Jahre gemeinsamer Arbeit. Hinter einem Sonderforschungsbereich stehen unzählige Ideen, Diskussionen und Vorarbeiten. Dass wir nun gemeinsam starten können, ist ein großer Erfolg für das gesamte Team.
Prof. Jankowski: Ich habe mich zunächst einfach riesig gefreut. Ein Sonderforschungsbereich entsteht nicht in wenigen Monaten, sondern über viele Jahre. Die Bewilligung zeigt, dass wir als Team eine wissenschaftliche Idee entwickelt haben, die die Gutachter überzeugt hat. Gleichzeitig bestätigt sie, dass wir mit unserer Fragestellung wissenschaftliches Neuland betreten.
Herr Professor Jankowski, Sie haben bereits einen Sonderforschungsbereich mit aufgebaut. War diese Erfahrung hilfreich?
Prof. Jankowski: Natürlich hilft Erfahrung. Man kennt den langen Weg von der ersten Idee bis zur Begutachtung und weiß, welche Herausforderungen unterwegs warten. Gleichzeitig entscheidet am Ende immer die wissenschaftliche Qualität der Fragestellung. Darauf kommt es an.
Prof. Wolf: Diese Erfahrung war für uns sehr wertvoll. Gleichzeitig wollten wir kein bestehendes Konzept kopieren, sondern ein Forschungsprogramm entwickeln, das wissenschaftliches Neuland erschließt.
Kommen wir zur eigentlichen Forschung: Worum geht es im SFB 1739?
Prof. Wolf: Wir untersuchen das Gewebe, das unsere Zähne im Kiefer verankert. Es befindet sich in einem ständigen Umbau und reagiert besonders sensibel auf Veränderungen im gesamten Organismus. Genau das macht es für unsere Forschung so spannend.
Prof. Jankowski: Uns interessiert vor allem die Kommunikation zwischen Organen. Wir wollen verstehen, wie Erkrankungen beispielsweise der Niere, des Herzens oder der Leber Signale aussenden, die schließlich Veränderungen am Zahnhalteapparat auslösen. Diese Zusammenhänge sind bislang nur in Ansätzen verstanden.
Warum ist diese Forschung so relevant?
Prof. Wolf: Parodontale Erkrankungen sind eben keine reine Frage der Mundhygiene. Unsere Vorarbeiten zeigen, dass systemische Erkrankungen das zahnumgebende Gewebe erheblich beeinflussen können und damit auch viele zahnärztliche Therapien einschränken bzw. unmöglich machen. Das ist hoch relevant.
Prof. Jankowski: Genau deshalb betrachten wir den Menschen als Ganzes. Der Körper besteht nicht aus isolierten Organen. Zwischen ihnen findet eine permanente Kommunikation statt. Wenn wir diese Signalwege verstehen, eröffnen sich völlig neue therapeutische Möglichkeiten.
Was macht den Sonderforschungsbereich besonders?
Prof. Jankowski: Vor allem seine Interdisziplinarität. Insgesamt beteiligen sich 32 Principal Investigators aus 20 Kliniken und Instituten. Hier arbeiten Zahnmedizin, Innere Medizin und Grundlagenforschung unter einem gemeinsamen wissenschaftlichen Dach zusammen. Genau diese unterschiedlichen Perspektiven machen den SFB so besonders.
Prof. Wolf: Diese Zusammenarbeit ist unsere größte Stärke. Unterschiedliche Perspektiven führen oft zu den besten Ideen.
Was ist Ihre Vision für die kommenden Jahre?
Prof. Jankowski: Unser erstes Ziel ist es, die biologischen Mechanismen vollständig zu verstehen. Nur wenn wir wissen, wie diese Prozesse funktionieren, können wir gezielt eingreifen. Mich überzeugt die wissenschaftliche Qualität unseres Konsortiums. Wir haben die Chance, grundlegende biologische Mechanismen zu entschlüsseln und daraus neue Therapien zu entwickeln. Genau dafür sind Sonderforschungsbereiche da: große Fragen zu stellen und Antworten zu finden, die die Medizin langfristig verändern können.
Prof. Wolf: Unser Ziel ist klar: Wir möchten verstehen, wie systemische Erkrankungen das zahnumgebende Gewebe beeinflussen, und dieses Wissen in neue Therapien übersetzen. Wenn uns das gelingt, profitieren am Ende die Patientinnen und Patienten. Genau dafür betreiben wir Forschung.
Das Video „Wissen to go: SFB 1739„ finden Sie hier: Wissen to go – Sonderforschungsbereich 1739
Besuchen Sie unsere Webseite: SFB1739 Weichgewebe-Knochen-Crosstalk




